ver.di-Debatte zur Zeitarbeit

Beate Voigt (Wortbeitrag auf dem ver.di-Bundeskongress, 23.09.2011) Debatte im Plenum zur Zukunft der Zeitarbeit

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin seit über 20 Jahren als Zeitarbeiternehmer bei Randstad beschäftigt. Vor 13 Jahren haben wir einen Betriebsrat gegründet, und seitdem bin ich auch stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Ich ziehe meinen Hut vor den 850.000 Zeitarbeitnehmern, die es verdienen, gerecht behandelt zu werden, die es verdienen, dass wir uns für ihre Interessen einsetzen. (Beifall)

Wer glaubt, durch ein Verbot würde die Zeitarbeit verschwinden, unterliegt einem Irrtum. Sie würde nur durch andere prekäre Beschäftigungsformen und -praktiken, die einen anderen Namen tragen, ersetzt werden. Die Wirtschaft ist da sehr kreativ. (Vereinzelt Beifall) Mit einem Verbot würden wir den Hunderttausenden Menschen, die in dieser Branche tätig sind, keinen Gefallen tun. Sie würden es auch nicht verstehen.

Die Zeitarbeit ist für viele Menschen ein Weg – für viele Ungelernte der einzige Weg; das ist ein Viertel der in der Zeitarbeit beschäftigten Kolleginnen und Kollegen –, am Arbeitsleben teilzuhaben. Das sind junge Menschen, die von der Schule direkt in Hartz IV marschiert sind. (Vereinzelt Beifall)

Ein Beispiel: Mich hat vor 14 Tagen eine Mutter angerufen und gefragt: „Sagen Sie, können Sie mir sagen, ob mein Sohn zur Arbeit ist? Der arbeitet seit 14 Tagen bei Ihnen, und ich habe Angst, er bummelt wieder.“ – Ich habe in der Niederlassung angerufen. Die haben mir bestätigt, dass der Junge arbeitet – sogar gut arbeitet. Das habe ich der Mutter erzählt. Die war so froh und hat mir dann die ganze Lebensgeschichte ihrer Familie erzählt. Zum Schluss kannte ich den Jungen besser als er sich selbst. (Heiterkeit)

Es gibt über 16.000 Zeitarbeitsunternehmer, und hier muss angesetzt werden. Die Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung darf vom Gesetzgeber nicht so verteilt wer-den, wie der Bauer im Frühjahr seine Saat verteilt. (Heiterkeit – Beifall) Es ist schwerer, einen Taxi-Schein zu bekommen als die Erlaubnis, Arbeitnehmerüberlassung zu betreiben. (Vereinzelt Beifall) Allein die strikte Anwendung der schon heute bestehenden gesetzlichen Vorschriften und die konsequente Kontrolle würden dazu führen, in der Branche aufzuräumen. Bei Verstößen muss die Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung auch wieder entzogen werden.

Ich tue alles dafür, dass sich noch mehr meiner Kollegen bei ver.di organisieren und unsere Kampfkraft gestärkt wird. Das gelingt aber nicht, wenn wir öffentlich das Verbot der Leiharbeit fordern. Die Kollegen sagen dann: Ich trete nicht in eine Gewerkschaft ein, die mich verbieten will. – Sie nehmen es persönlich und sehen nicht die Branche. Sorgen wir dafür, dass auch in dieser Branche unsere Kampfkraft gestärkt wird und dass aus dieser kleinen Kampfente – –

Katrin Tremel, Kongressleitung

Beate, kommst Du bitte zum Schluss.

Beate Voigt

– eine große wird. – Danke. (Beifall)

Ursula Stolle

Kolleginnen und Kollegen, ich bin Landesfachbereichsvorsitzende für den Handel. Gerade im Handel haben wir mit diesem Thema ganz stark zu tun. Ich möchte mich dafür aussprechen, dieses Verbot und diesen Antrag, der gestellt wurde, nicht zuzulassen. Denn zwischenzeitlich hat sich auch der Handel gewandelt, und wir brauchen diese Menschen. Wir wertschätzen diese Menschen auch…

Des Weiteren ist mir aufgefallen: Wir sprechen immer von Leiharbeitnehmern und Leiharbeitnehmerinnen. Ich weiß von vielen, die sich dadurch diskriminiert fühlen. Wir sollten uns angewöhnen, wenn wir über dieses Thema sprechen, von Zeitarbeit-nehmerinnen und Zeitarbeitnehmern zu sprechen. Das hört sich wertschätzender für diese Menschen an. – Danke. (Leichter Beifall)