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Best-Practice-Modell mit Strahlkraft oder ähnlich wie überall?
15.07.2019

Zeitarbeit in Österreich

Zeitarbeit wird in Europa überall eingesetzt. Oft zu gleichen Bedingungen und mit ähnlichen gesetzlichen Hürden wie in Deutschland. Und doch gibt es Unterschiede: In Österreich gibt es zum Beispiel keine Überlassungshöchstdauer wie in Deutschland. Ebenfalls stellen die Kollegen im Süden aktuell eine leichte Stagnation fest. Wie sieht Zeitarbeit bei unseren Nachbarn in Österreich aus? iGZ-Redakteurin Kristin Mattheis sprach mit Markus Archan, Präsident Österreichs Personaldienstleister.

Interview mit Markus Archan, Präsident Österreichs Personaldienstleister
Interview mit Markus Archan, Präsident Österreichs Personaldienstleister

Wie sieht die aktuelle Lage der Zeitarbeit in Österreich aus?

Markus Archan: Nach einigen Jahren nachhaltigen Wachstums ist nun in 2019 erstmals eine leichte Stagnation festzustellen. Die Branche in Österreich ist demnach nur leicht gewachsen (+2 Prozent) auf insgesamt 85.000 Zeitarbeitnehmer, in der Saisonspitze auf etwa 105.000. Eine Delle oder einen Konjunktureinbruch können wir aber derzeit nicht sehen. Die Auftragsbücher unserer Mitglieder sind gut gefüllt.

Welches Modell nutzen Sie und was sind die Vorteile?

Markus Archan: Die klassische Dienstleistung ist noch immer die Arbeitnehmerüberlassung. Hier vermitteln wir etwa ein Viertel unserer Mitarbeiter in den White Collar Bereich (Angestellte als kaufmännisches/technisches Personal). Den größten Anteil machen die Mitarbeiter im Blue Collar Bereich aus (Handwerk, Industrie et cetera.).

Hat sich Zeitarbeit über die Zeitarbeit über die Jahre verändert? Gibt es neue Herausforderungen?
 
Markus Archan: Ja, immer mehr Kunden erwarten heute ein Full-Ser-vice-Paket. Immer mehr werden viele Aspekte unserer Dienstleistung von den Kunden angenommen. Schließ-lich sind wir auch Personaldienstleister. Das reine Bereitstellen von Mitarbeitern gehört immer mehr der Vergangenheit an. Die Wirtschaftsbetriebe gehen auch hier den Weg, um Prozesskosten zu senken und Abläufe zu optimieren.
 
Wie sehen Sie die Entwicklung der Zeitarbeit in den nächsten fünf Jahren?
 
Markus Archan: Natürlich konjunkturabhängig! Die Branche wird sich laufend weiterentwickeln und zunehmend wichtiger für den österreichischen Wirtschaftsstandort werden.
 
Wie sieht es denn mit dem Image der  Zeitarbeit in Österreich aus?
 
Markus Archan: Einer unserer wichtigsten Schwerpunkte im Verband ist die Imagearbeit. Die österreichischen Zeitarbeitsunternehmen haben eine Steuerleistung von 4,1 Milliarden Euro pro Jahr, dies ist eine unglaubliche Strahlkraft und ein enorm wichtiger Wirtschaftszweig. Eine von uns in Auftrag gegebene Umfrage unter mehr als 500 Zeitarbeitskräften ergab, dass sie sich keinesfalls als Mitarbeiter zweiter Klasse fühlen – wie es oft medial dargestellt wird. Unsere Mitarbeiter fühlen sich bei uns wohl und schätzen die Vorteile der Personaldienstleistung und se-hen ihren Beitrag als wichtig an. Unsere Kunden gaben an, dass mehr als zwei Drittel von ihnen ihre Aufträge ohne den Einsatz von Zeitarbeit nicht fristgerecht abwickeln können. Das sind tolle Aussagen über unsere Branche!
 
Wie wird bei Ihnen die Gleichbehandlung der Mitarbeiter abgebildet?
 
Markus Archan: Das österreichische Arbeitnehmerüberlassungsgesetz gilt in Europa als Best-Practice-Modell. Unsere Mit-arbeiter bekommen für die gleiche Arbeit gleiches Geld wie vergleichbare Arbeitnehmer vom Kunden. Sie haben Zugang zu Wohlfahrtseinrichtungen wie Betriebskindergarten oder Shuttlebussen und haben nach einiger Zeit auch Anspruch auf Betriebspensionen vom Arbeitgeber.
 
Welche gesetzlichen Vorgaben machen Ihnen zu schaffen?
 
Markus Archan: Ein sehr großes Problem für unsere Mitgliedsbetriebe ist die Entsendung von Personal aus dem EU-Ausland nach Österreich – in erster Linie aus Osteuropa. Hier wird sehr oft ein Gewerk dargestellt, ist jedoch in Wirklichkeit Arbeitnehmerüberlassung. Diese Mitarbeiter werden nach ausländischem Recht und Gesetzen entlohnt. Kriminelle Konstrukte, die in Osteuropa sitzen und ihre Machenschaften treiben, sind von den österreichischen Behörden sehr schwer dingfest zu machen. Immerhin wurden vergangenes Jahr einige hunderttausende Arbeitskräfte nach Österreich entsandt, ein Großteil als versteckte Arbeitnehmerüberlassung. (KM)

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