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Interview mit Arbeitssicherheitsexperte Martin Gehrke
26.10.2020

„Zeitarbeit in der Fleischindustrie nicht auffällig“

Die geplanten schärferen Regeln für die Fleischbranche in Deutschland sind kurz vor der geplanten Verabschiedung im Bundestag vorerst gestoppt. Das neue Arbeitsschutzkontrollgesetz, das die Koalition eigentlich diese Woche im Bundestag verabschieden wollte, wurde am vergangenen Freitag kurzfristig von der Tagesordnung gestrichen. Es gebe noch Gesprächsbedarf, hieß es aus der Unionsfraktion. Der iGZ hat mit Martin Gehrke, ehemaliges Mitglied im Bundesvorstand des Interessenverbandes Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, Vertreter des iGZ in den Gremien der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) und Fachkraft für Arbeitssicherheit, über die Zeitarbeit in der Fleischindustrie gesprochen.

Martin Gehrke, iGZ-Vertreter in den VBG-Gremien, fordert im Interview, die Zeitarbeit nicht mit Werkverträgen in einen Topf zu werfen.
Martin Gehrke, iGZ-Vertreter in den VBG-Gremien, fordert im Interview, die Zeitarbeit nicht mit Werkverträgen in einen Topf zu werfen.

Auch die Zeitarbeit soll im Rahmen des geplanten Arbeitsschutzkontrollgesetzes in der Fleischindustrie verboten werden. Können Sie das als Arbeitsschützer nachvollziehen?

Nein. Mir ist nicht bekannt, dass die Zeitarbeit in Bezug auf Arbeitsschutzverstöße im Bereich der Fleischindustrie besonders auffällig wäre. Das hat uns auf unsere Anfrage auch die VBG bestätigt. Wer uns in einen Topf mit den Werkverträgen wirft, hat leider die Zeitarbeit nicht verstanden.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil spricht im Zusammenhang mit den Vorgängen in der Fleischindustrie von einer „organisierten Verantwortungslosigkeit“. Trifft das auch auf die Zeitarbeit zu?

Fernliegender könnte eine Beschreibung kaum sein. Bei der Zeitarbeit gibt es keine geteilte Verantwortung, sondern eine doppelte. Gemeinsam sorgen beide Partner, Personaldienstleister und Einsatzbetrieb, für den Arbeitsschutz. Das ist nicht nur im Gesetz und den zusammen mit der VBG und Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) erarbeiteten Unfallverhütungsvorschriften so, sondern auch in der Wirklichkeit. Bei der Zeitarbeit ist es ja gerade so, dass Stammarbeitskräfte und Zeitarbeitskräfte zusammen in Teams arbeiten. Selbst wenn der Einsatzbetrieb den unlauteren Gedanken haben sollte, die Zeitarbeitskräfte schlechter zu schützen als seine Stammarbeitskräfte: Wie soll das funktionieren, wenn beide nebeneinander im Betrieb arbeiten?

Sind das wirklich alles nur Vorurteile und Klischees oder ist Zeitarbeit nicht doch einfach gefährlicher?

Lassen wir die Fakten sprechen: Die Anzahl der Arbeitsunfälle pro 1.000 Versicherte ist von 2008 bis 2017 um über 36 Prozent zurückgegangen. Was manche verwechseln, ist, dass Unfälle nicht deshalb passieren, weil Arbeitnehmer in der Zeitarbeit arbeiten, sondern deshalb, weil Arbeitnehmer eine vergleichsweise gefährliche Tätigkeit ausüben. Die Zeitarbeitskräfte sind weit überdurchschnittlich im Helferbereich und im gewerblichen Bereich tätig. Da passieren natürlich mehr Unfälle als im Büro, wo einem schlimmstenfalls mal der Locher auf den Fuß fällt. Wenn man nun also die absoluten Zahlen nimmt und sie mit Branchen vergleicht, in denen zu einem weit größeren Anteil Büroarbeit geleistet wird, ist das ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. 

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