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Temperamentvolle Diskussion beim iGZ-Bundeskongress
17.05.2018

Alte Zeitarbeitszöpfe abgeschnitten

„Sie vertreten die Auffassung einer Generation, die in den nächsten zehn bis 15 Jahren in den Ruhestand treten wird. Die junge Generation wünscht, Flexibilität, freie Gestaltung und freie Wahl des Arbeitsplatzes. Wir sind ein ganz normales Arbeitsverhältnis wie jedes andere auch, deshalb verstehe ich diese Diskussion nicht“, fand der iGZ-Bundesvorsitzende Christian Baumann scharfe Worte als Replik auf einen Beitrag von Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer Paritätischer Wohlfahrtsverband, während einer Diskussionsrunde im Rahmen des iGZ-Bundeskongresses in Münster.

Engagiert diskutierten beim iGZ-Bundeskongress (v.l.): Dr. Ulrich Schneider, RA Johannes Pöttering, Andreas Fier und Christian Baumann.
Engagiert diskutierten beim iGZ-Bundeskongress (v.l.): Dr. Ulrich Schneider, RA Johannes Pöttering, Andreas Fier und Christian Baumann.

„Wie müssen sich Personaldienstleister aufstellen, damit die Branche mehr gesellschaftliche Akzeptanz findet?“, lautete das Thema, mit dem sich Schneider, Baumann, Andreas Fier, Wirtschaftsredakteur der Westfälischen Nachrichten, und RA Johannes Pöttering, stellv. Hauptgeschäftsführer unternehmer nrw, auseinandersetzten.

Wunsch und Wirklichkeit

Mit der Bemerkung „Ich frage mich, welcher Unternehmer nicht über mehrere Jahre kalkulieren kann, wie viele Reinigungskräfte er braucht“, zog Schneider den Unmut der rund 500 Zuhörer auf sich. Bei Arbeitnehmern paare sich immer der Wunsch nach Sicherheit mit Flexibilität. In der Realität sehe es aber anders aus.

Ungeheure Fluktuation

Schneider hatte zudem gefordert, Zeitarbeit solle auf ihren ursprünglichen Sinn zurückgeführt werden. Ein Verbot wolle er allerdings nicht: „Wenn Zeitarbeit sinnvoll eingesetzt wird, sind Zeitarbeitsfirmen Gold wert.“ Zeitarbeitgeber trügen enorme Verantwortung gegenüber ihrem Personal. Es herrsche jedoch eine ungeheure Fluktuation und Rotation bei den Arbeitnehmern aus den Jobcentern. „Menschen wollen eine Perspektive, Maßnahmen müssen Sinn machen.“

Negativer Klebeeffekt

Andreas Fier erinnerte daran, dass „große Skandale immer hängen bleiben, das ist ein negativer Klebeeffekt.“ Zeitarbeit habe von jeher ein negatives Image – in den Medien habe Negatives traditionell einen höheren Stellenwert. „Zeitarbeit ist auch wirklich ausgenutzt worden. Das passiert, wenn Unternehmen ihre soziale Verantwortung vergessen und nur noch auf Profit aus sind. Da sind die Unternehmer gefragt, das zu lösen“, resümierte Fier.

Bessere Bedingungen

Pöttering unterstrich, aufgrund vieler Maßnahmen sei die Situation längst viel besser, aber die Akzeptanz eben schlechter geworden. „Man kann die soziale nicht von der wirtschaftlichen Frage trennen. In der Zeit, in der 800.000 neue Zeitarbeitnehmer hinzukamen, sind zweieinhalb Millionen neue Stellen geschaffen worden. Also sind auch die Stammbelegschaften gewachsen. Unternehmer müssen effektiv in der Produktion sein“, zeichnete er dazu die laufende Entwicklung nach.

Alte Zöpfe

„Unsere Hauptproblematik liegt darin, qualifiziertes Personal zu gewinnen“, verwies Baumann auf den Status quo. Der Zeitarbeitsbranche werde außerdem immer auferlegt, sie müsse ihre Kernfunktion erfüllen. „Aber nirgendwo sind Kernfunktionen definiert. Wir sind Problemlöser, wir sind der Motor für Arbeitnehmer, mit Unternehmen in Kontakt zu kommen. Sie können die Arbeit erproben um zu schauen, in welche Arbeit sie kommen möchten“, schnitt er alte Zöpfe ab. Pöttering ergänzte in diesem Zusammenhang, die Skandalisierung der Zeitarbeit dürfe nicht dazu führen, dass sich Unternehmen verstecken. „Der iGZ macht´s richtig und geht mit den Anliegen der Branche offensiv an die Öffentlichkeit“, attestierte er die richtige Strategie.

Qualität nimmt zu

Wirtschaftsredakteur Fier empfahl, nach außen zu kommunizieren, dass Zeitarbeit gerechte Arbeit und Bezahlung biete. Und Baumann bestätigte: „Zentrales Element ist in der Tat die Kommunikation, hier müssen wir noch viel aktiver werden. Das ist eine echte Mammutaufgabe. Bisher waren wir zu abstrakt. Die Mediendarstellung ändert sich jedoch. Die Qualität der Berichterstattung nimmt stark zu. Ich würde mich darüber freuen, wenn wir in einem Diskurs mit den Medien bleiben. Bleibt noch mein frommer Wunsch: Mehr Verständnis in der Diskussion auf Seiten der Politik. (WLI)

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