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iGZ-Landeskongress Bremen 2008

"Es macht wenig Sinn, die Zeitarbeit zum Buhmann der Nation zu machen - sie lebt vom Einstellen und Weiterbeschäftigen, nicht vom Entlassen der Mitarbeiter", unterstrich Bettina Schiller, Landesbeauftragte Bremen und Mitglied des Bundesvorstandes des Interessenverbandes Deutscher Zeitarbeitsunternehmen zum Auftakt des erstmals durchgeführten Nordkongresses in Bremen.

Auf rund 300 interessierte Teilnehmer aus der Branche, Politik und Gewerkschaften wartete im Maritim-Hotel in überaus abwechslungsreiches Tagungsprogramm rund ums Thema Zeitarbeit. Zu Beginn präsentierte Bettina Schiller ein Branchenbild, das insbesondere die großartigen Erfolge der Zeitarbeit in den vergangenen Jahren hervorhob und vor einer pauschalen Diskreditierung warnte.

Prüfungspraxis der Finanzverwaltung

Interessante Fakten lieferte Michael Weber-Blank, Fachanwalt für Steuerrecht, mit seinem Vortrag über die Prüfungspraxis der Finanzverwaltung. Nicht minder informativ gerieten die Beiträge von Andrea Brück-Klingberg, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Agentur für Arbeit, zur Zeitarbeit in Norddeutschland - Struktur und Entwicklung sowie die Präsentation einer exklusiv für den iGZ erstellten Emnid-Untersuchung zum Thema "Die Zeitarbeitsbranche im Spiegelbild der Kundenunternehmen", die Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer TNS Emnid, vorstellte.

Beachtliche Branchenleistung

Die  Leistung der Branche ist beachtlich", stellte Gastredner Dirk Niebel, Generalsekretär der FDP, anerkennend fest. Das Arbeitsrecht in Deutschland hingegen sei völlig verkrustet, wenn es um den Wechsel des Arbeitsplatzes gehe. "Wegen arbeitsrechtlicher Vorschriften in Deutschland sind Unternehmen bei Einstellungen oft zurückhaltend. Chancen müssen erhöht und verbessert werden, den Arbeitsplatz zu erhalten und den Einstieg zu erleichtern", forderte Niebel. "Viele wollen auch in unterschiedliche Betriebe gehen, um neue Erfahrungen zu sammeln", zeigte Nie-bel auch diesen wichtigen Aspekt der Zeitarbeit auf.

Tarifierung ein guter Schritt

Die Tarifierung der Branche sei ein guter Schritt weg vom Schmuddelimage. "Die Zeitarbeits-branche ist nicht prekär. Es geht um die Frage, was den Menschen übrig bleibt."  Laut Niebel sollte statt über von ihm abgelehnte Mindestlöhne stärker über Mindesteinkünfte diskutiert werden. Zeitarbeit sei aus seiner Sicht ein normaler flexibler Zweig des Wirtschaftsmarktes. und normaler Bestandteil der Beschäftigungsverhältnisse. Insoweit könnten Sonderregelungen wie das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz eigentlich abgeschafft werden, erläuterte Niebel abschließend.

Diskussion zur Qualifizierung

Nach einem Grußwort von Dr. Joachim Schuster, Staatsrat, Senat für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales in Bremen diskutierten die Tagungsteilnehmer mit den iGZ-Landesbeauftragten Hannelore Rabe (Berlin), Frauke Schacht (Niedersachsen) Angelo Wehrli (Hamburg) sowie mit dem iGZ-Bundesvorsitzenden Olaf Richter und den iGZ-Vorstandsmitgliedern Bettina Schiller und Jürgen Nodop unter anderem über künftige Qualifizierungsmöglichkeiten von Personaldienstleistern und die Positionierung hinsichtlich der Gewerkschaften.

Enger Kontakt zum DGB

Frauke Schacht nannte den engen Kontakt zum DGB in Niedersachsen als positives Beispiel - die Gewerkschaften dort seien sehr aufgeschlossen. Der Bundesvorsitzende Olaf Richter bemängelte, die Branche werde ständig auf die Frage der Entlohnung reduziert und damit in die Defensive gedrängt. Es gelte nun deutlich zu machen, worin die gesellschaftspolitische Aufgabe der Branche bestehe. "Es ist unsere Aufgabe, der Fürsorgepflicht und der sozialen Verantwortung gerecht zu werden."

Grünes Licht für Zeitarbeit

Unter dem Motto "Grünes Licht für Zeitarbeit im Norden" debattierten Staatsrat Dr. Joachim Schuster, Hans-Uwe Stern (Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bremen), Rechtsanwalt Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände in Bremen, Joachim Duhnenkamp (Arbeitnehmerkammer Bremen), FDP-Generalsekretär Dirk Niebel, Jörg Weigand (IG Metall-Vorstand Frankfurt) und iGZ-Bundesvorstandsmitglied Bettina Schiller über das Thema Zeitarbeit: Neumann-Redlin verdeutlichte eingangs, die Zeitarbeit sei ein Jobmotor ohnegleichen und kritisierte in diesem Zusammenhang das extrem starre Arbeitsrecht. Niebel bestätigte, ein Mehr an Flexibilität führe auch zu einem Mehr an Chancen.

Aus der Praxis

Duhnenkamp sprach aus seiner Beratungspraxis Probleme bei Zeitarbeitsunternehmen - wie etwa Unregelmäßigkeiten im Abrechnungsbereich oder Vorenthalten der Fahrtkosten an. Dirk Niebel unterstrich, dies sei schlicht rechtswidrig und habe rein gar nichts mit der Zeitarbeitsbranche zu tun - was auch Neumann-Redlin betont wissen wollte: Solche Verfehlungen  seien schlicht Alltag an den Arbeitsgerichten. Die Branche brauche auf keinen Fall zusätzliche Regulierungen: Gerade die Zeitarbeit ist eine Erfolgsbranche, die genau das nicht braucht. Es werden Arbeitsplätze und ideale Startbedingungen ins Berufsleben geschaffen."

Weitere Regulierungen

Jörg Weigand hingegen sah eine Notwendigkeit weiterer Regulierungen. Als Beispiel nannte er Nokia mit 900 Leiharbeitern. Die Zeitarbeitnehmer konnten von Nokia bei der Schließung des Standortes Deutschland nicht aufgefangen werden. "Das hat mit unserer Branche nichts zu tun. Nokia hat seinen Standort verlagert. Die Zeitarbeitnehmer wurden alle freigesetzt, und sämtliche  Nokiamitarbeiter wurden arbeitslos. Die Zeitarbeitnehmer dagegen wurden in anderer Arbeit weiterbeschäftigt", setzte Bettina Schiller unter dem Beifall des Auditoriums dagegen.

Statements

Mit Statements der Diskussionsteilnehmer zur Entwicklung der Zeitarbeit endete die von Wirtschaftsredakteur Reinhard Wirtz moderierte Runde.
In den Pausen informierten sich die Teilnehmer an den zahlreichen Ständen der Fachausstellung "Dienstleister der Zeitarbeitsbranche". (WLI)