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Was haben Zeitarbeit und New Work gemeinsam

Eine Karrierefrau steigt eine Treppe hoch.

Dieser Blog erschien zuerst hier auf der Linkedin-Seite von Timm Eifler, dem iGZ-Landesbeauftragten Hamburg, .

Auf den ersten Blick nicht viel. Zumindest wäre das wohl überwiegend der Tenor, würde man HR Verantwortliche oder HR Influencer zu diesem Thema befragen. Doch damit lägen sie leider gründlich daneben. Auch wenn sich die Begrifflichkeiten in den letzten Jahrzehnten deutlich in Richtung zu Anglizismen verschoben haben. Die Zeitarbeit ist quasi die Mutter des “New Work”.

Um das richtig einschätzen zu können, muss man ein wenig in die Vergangenheit schauen. Zeitarbeit gibt es vor allem deshalb, weil bereits vor Jahrzehnten Unternehmen einen Bedarf hatten, bestimmte interne Personalausfälle zu überbrücken. Dabei ging es um die in Arbeitsverhältnissen üblichen und normalen Ausfallzeiten aber auch und gerade um die Abdeckung bestimmter Auftragsspitzen. Dieses Aufgabenfeld hat sich zwar längst weiterentwickelt und Zeitarbeitsunternehmen sind heute überwiegend Full Service Personaldienstleister, die ihre Kunden in HR-Fragen beraten und für die individuellen Herausforderungen die richtige Personalressource und Vertragsform anbieten können. Doch der Ursprung war eigentlich die Flexbilität, die man Unternehmen zur Verfügung stellte. Und damit war, was viele sicher übersehen, keinesfalls allein die Flexibilität für Unternehmen verbunden.

Denn auf der anderen Seite gab es schon immer Menschen in bestimmten beruflichen oder privaten Situationen, die an einer flexiblen Gestaltung ihres Arbeitsverhältnisses oder der Berufstätigkeit ein Interesse hatten. Sicher ging der Impuls von Unternehmen aus, aber stets fanden und finden sich Bewerberinnen und Bewerber, die genau so arbeiten wollten. Bemerkenswert ist, dass die Zeitarbeit bereits in einer Zeit Fuß fasste, in der der Arbeitsmarkt insgesamt deutlich statischer war und sich in vielen Dingen fundamental von der heutigen Arbeitswelt unterschied.

Dabei ist für viele sicher kaum nachvollziehbar, dass es kein Internet, keine Smartphones oder Langstreckenflüge für jedermann gab. Es war die Zeit des Faxgerätes und des Telex. Und doch hat sich die Zeitarbeit damals angeschickt, Bewegung und Flexibilität bereitzustellen. Denn längst hatte in der Industrie der Wandel begonnen. Unabhängig von der fundamentalen Bewertung dieser Transformation der Wirtschaft, begannen die Unternehmen, Tätigkeiten auszulagern und die Verantwortung für den Produktionsprozess auf unterschiedliche Schultern zu verteilen. Bis sich diese Veränderungsprozesse auf den Arbeitsmarkt auswirkten, verging noch eine ganze Zeit. Zudem sind und waren diese Entwicklungen immer abhängig von der Konjunktur und den generellen wirtschaftlichen Entwicklungen im betreffenden Zeitpunkt. Jedenfalls war es die Zeitarbeit, die Unternehmen und Arbeitnehmern erstmalig ein Stück Flexibilität gegeben hat.

Warum nun “New Work”? Sicher ist die reine Flexibilität nicht der einzige Ausdruck von New Work. Und doch bildet sie den Anfang. Denn die Ausgestaltung des eigenen Arbeitsverhältnisses war früher vor allem durch die lebenslange Anstellung geprägt. Was davon abwich, wurde argwöhnisch beobachtet - meist war ein Abweichen davon gar nicht möglich. Insofern hat die Zeitarbeit eine Perspektive für den einzelnen Arbeitenden geschaffen, nicht nur flexibler zu arbeiten, sondern sein Arbeitsleben stärker selbst zu bestimmen. So ist die Verantwortung der Arbeitenden und dabei vor allem der Fachkräfte, für die eigene Erwerbsbiografie gestiegen. Menschen waren in der Lage, selbst zu bestimmen, wo und wie lange sie arbeiten möchten.

Natürlich muss man zugestehen, dass dies nur dann gilt, wenn man tatsächlich eine Wahl hat. Doch generell ist diese Wahlmöglichkeit aber überhaupt erst durch die Zeitarbeit geschaffen worden, wenn man mal von Werk- und Dienstverträgen absieht. Die Zeitarbeit bot Flexibilität im Rahmen eines normalen Beschäftigungsverhältnisses und war ab einem bestimmten Zeitpunkt in einen gesetzlichen und mittlerweile tariflichen Rahmen eingebunden. Vielfach wird hier entgegnet, dass genau dieser Trend aber nicht gewollt sei und man dagegen ankämpfen müsse. Das erstaunliche ist aber, dass die Arbeitenden gar nicht mehr kämpfen wollen oder müssen.

Vielmehr hat sich gerade in den letzten Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, das Flexibilität, Eigenverantwortung und Eigeninitiative etwas gutes sein können. Vor allem dann, wenn man sie nicht als ausschließliche Arbeitsformen begreift, sondern als ein zusätzliches Angebot, das man nutzen kann aber nicht muss. Von daher kann man hier den Bogen zum aktuellen “New Work” schließen. Oft werden ja vor allem die Vorteile für Arbeitnehmer in Bezug auf die Rahmenbedingungen herausgestellt. Aber unabhängig von Obstkörben, Flippern und tollen Möbeln in hippen Büros, geht es im Kern um die Eigenverantwortung.

New Work steht für ein mehr an Freiheit, weil Ort- und Zeit der Arbeit nicht mehr nur statisch vorgeben werden. Es kann und soll sogar an verschiedenen Orten gearbeitet werden. Gleichzeitig steigt dadurch aber die Verantwortung des Einzelnen. Gerade wenn die Kontrolle durch Führungskräfte weniger wird oder sich verändert, muss der Einzelne viel stärker eigenverantwortlich arbeiten und sich selbst organisieren. Früher wurde diese Flexibilität oft negativ betrachtet. Man fürchtete eine Überforderung der Arbeitnehmer und traute ihnen diese Eigenverantwortung nicht zu. Das Ideal war lange der eine Arbeitsplatz, ein Leben und keine Veränderung der Lebensumstände.

Das hat sich deutlich verändert. Sicher primär aufgrund von internationalen Entwicklungen und einer stärkeren Globalisierung der Wirtschaft. Corona tat dann ein Übriges. Die Entwicklung geht jedenfalls immer weiter in die Richtung von hybriden Arbeitsmodellen, flexiblen Arbeitszeiten und damit einhergehend einer stärkeren Verantwortung des Einzelnen.

Hieraus wird vor allem nicht mehr automatisch eine Gefährdung oder drohende Überforderung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gesehen. Vielmehr wird hinterfragt, wie diese Veränderungen gestaltet werden können und sollten. Die Zeitarbeit hat es in den letzten Jahren geschafft, die positiven Aspekte des “New Work” in ein tariflich ausgeklügeltes System einzubinden, welches die genannten Vorteile mit einem rechtlichen Rahmen kombiniert. Auch wenn der Gesetzgeber hier hin und wieder über das Ziel hinausgeschossen ist und mehr reguliert hat als notwendig.

Diese Kombination ist es jedenfalls, die Zeitarbeit allen anderen flexiblen Beschäftigungsformen voraus hat. Denn gerade die Tätigkeit im Rahmen von Dienst- und Werkverträgen betont zu stark vor allem die Flexibilität und Eigenverantwortung der Arbeitenden, ohne gleichzeitig eine rechtliche Absicherung anzubieten. Insofern sollte, wer “New Work” sagt zuerst an die Zeitarbeit denken. Denn genau das ist es, was wir Zeitarbeitsunternehmen seit Jahren propagieren. Flexibles und eigenverantwortliches Arbeiten und die individuelle Ausgestaltung von Erwerbsbiografien sind die Zukunft und ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsmarktes.

Die Herausforderung ist es, diese Entwicklung des Arbeitsmarktes nicht zu bremsen, gleichzeitig aber für Unternehmen wir Arbeitende rechtssicher und sozial verträglich zu gestalten. Hierzu kann man aus der Perspektive der Zeitarbeit nur sagen: Mission erfüllt!

Über den Autor

Dr. Timm Eifler ist aktiv im iGZ-Bundesvorstand der Tarifkommission und Landesbeauftragter für Hamburg und setzt sich für den Verband und die Zeitarbeitsbranche ein. Seit über 20 Jahren ist Eifler mit der hanfried Personaldienstleistungen GmbH in der Branche tätig.