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Geplante Zeitenwende in der Verbändelandschaft

Obwohl die Zeitarbeitsbranche unter den Wirtschaftsbereichen kein Riesenfaktor ist, gab es in der Geschichte der Arbeitnehmerüberlassung (AÜG) eine auffällige Vielfalt von Verbänden bzw. Interessenvertretungen in Deutschland. Beginnend 1969 mit dem Unternehmerverband für Zeitarbeit (UZA), dann Gründung des Bundesverbandes Personalleasing (BPL) und Fusion beider zum Bundesverband Zeitarbeit Dienstleistungen auf Zeit (BZA). Kleinere Konkurrenzverbände wie Interessengemeinschaft Nordbayerischer Zeitarbeitsunternehmen (INZ) und Schutzgemeinschaft Zeitarbeit (SGZ) bildeten sich. Im März 1998 gründete sich die Interessengemeinschaft Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) anlässlich neuer Gefahrtarife in der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) mit enormen Beitragssteigerungen in der Branche. Im März 2001 bekam ich als erster hauptamtlicher Hauptgeschäftsführer die Aufgabe, aus den etwa 200 mittelständischen Mitgliedsunternehmen einen vollwertigen, schlagkräftigen Arbeitgeberverband zu entwickeln. Der BZA war über diese Konkurrenz-Absichten natürlich „not amused“.  Im Zuge der AÜG-Hartz-Reformen und den ersten Branchen-Tarifverhandlungen kam es zu weiteren Verbandsneugründungen wie Mittelstandsvereinigung Zeitarbeit (MVZ) und Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP), die die „christlichen“ Sozialpartner (CGZP) als Sozialpartner auserkoren hatten. Nach dem Aus dieser Tarifverträge durch Urteil des Bundesarbeitsgerichtes verschmolzen 2011 der BZA und AMP zum Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister e.V. (BAP).

Rapider Wandel

Die Verbändelandschaft war also stetig im Umbruch, denn die Strukturen und Erwartungshaltungen der Beteiligten in der Branche unterlagen einem kontinuierlichen, teilweise rapiden Wandel. Die Verbände sind gefordert, diesem Wandel zu folgen, ihn möglichst mitzugestalten. Der iGZ hat es seit seiner Gründung mit viel Einsatz, Kompetenz und Innovationskraft geschafft, mit jetzt über 3.600 Mitgliedsunternehmen und starken hauptamtlichen Repräsentanzen in Münster sowie Berlin zu einer bei allen Stakeholdern anerkannten Interessenvertretung neben dem BAP anzuwachsen.

Kooperation

Schon vor zehn Jahren kam dann die Frage auf, ob es nicht aus vielerlei Gründen sinnvoll sei, dass es nur einen Verband geben sollte, der die gesamte Zeitarbeitsbranche repräsentiert. Entsprechende Initiativen wurden seinerzeit von der iGZ-Mitgliederversammlung aber einstimmig abgelehnt. Auf dem politischen Parkett sollte zunächst der Weg einer konstruktiven Kooperation gesucht werden. Dies geschah dann auch bei allen AÜG-Änderungsvorschlägen durch den Gesetzgeber bei den parlamentarischen Anhörungen in Berlin und auch bei den Tarifverhandlungen mit dem Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) durch Gründung einer gemeinsamen Verhandlungsgemeinschaft Zeitarbeit (VGZ). Hierdurch entstand ein belastbares Vertrauensverhältnis auf Augenhöhe zwischen den beiden großen Branchenverbänden und dem Haupt-/Ehrenamt beim iGZ und BAP. Folgerichtig kam es im vergangenen Jahr zur Wiedervorlage der Gretchen-Frage: eine Branche – ein Verband? Der iGZ-Bundesvorstand hat sich deshalb erneut intensiv mit dem Problemkreis befasst, erste Ideen entwickelt, Visionen zur Neugründung formuliert, diese einer Mitgliederbefragung unterzogen und daraus einen Beschlussvorschlag für die Mitgliederversammlung am 24. Mai 2022 in Hannover gemacht. Mit 95 Prozent Zustimmung wurde dieser Antrag deutlich angenommen.

Anspruchsvoller Prozess

Da auch der BAP am 1. Juni auf seiner Mitgliederversammlung in Berlin wohl einen fast gleichlautenden Tenor verabschieden wird, ist nun der Startschuss für die Sondierungsverhandlungen in den nächsten Monaten gefallen. Gut, wenn alle Player in diesem anspruchsvollen Prozess der Neuorientierung konstruktiv zusammenwirken und persönliche Empfindlichkeiten bzw. Ränkespiele tunlichst vermeiden. Die nunmehr einmütig avisierte Verbandsneugründung von iGZ/BAP kann insofern eine probate Lösung zur Bewältigung des Wandels in der Arbeitswelt werden, Synergien in den Verbandsressourcen schaffen, einen größeren Service-Level mit Fachkompetenz für die Mitglieder anbieten, die Schlagkraft durch eine breit aufgestellte Präsenz erhöhen, das ambivalente Branchenimage in Politik/Gesellschaft weiter verbessern, AÜG-Regulierungstendenzen effektiver begegnen und kommunikative Vernetzungen dichter knüpfen. Wenn diese Meilensteine trotz aller bisherigen kulturellen Unterschiede der Verbände richtig zusammengesetzt werden, dann liegt in der professionell organisierten Neugründung tatsächlich ein Profil, das nach vorne mit Gemeinwohlbezug gerichtet ist.

Konsequente Verfolgung

Der anstehende Weg von der Konkurrenz über die Kooperation bis zur Verschmelzung ist sicherlich ein nicht ganz einfaches Unterfangen mit einigen Hürden, Umwegen und ggf. auch Konflikten. Weil das aber so ist, muss umso mehr Sorgfalt auf eine konsequente Verfolgung der vereinbarten Ziele, auf die Transparenz der Prozesse sowie auf die Befähigung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die neue Welt mit Change-Management zu beherrschen, gelegt werden.

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Über den Autor:

Werner Stolz ist seit mehr als 20 Jahren Hauptgeschäftsführer des iGZ. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaft war er zuvor mehrere Jahre als selbständiger Anwalt tätig.