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Der blinde Fleck

Überall war es in den vergangenen Wochen zu lesen, ob im Spiegel, in der Welt oder der FAZ: Zwar zeigt sich der Arbeitsmarkt angesichts des andauernden Lockdowns überraschend robust, aber es gibt immer mehr Langzeitarbeitslose* und das auch bei den unter 35-Jährigen. Nach einem Jahr Corona tauchen nun vermehrt die Menschen in der Statistik auf, die vergangenes Frühjahr arbeitslos geworden sind. Das ist, hierin sind sich alle Berichterstatter einig, eine besorgniserregende Entwicklung. Nichts entwertet berufliches Wissen und Kompetenzen so sehr wie Arbeitslosigkeit. Und je länger dieser Zustand andauert, desto arbeitsmarktferner sind die Betroffenen. Bei jungen Menschen sind die Folgen für das Erwerbsleben und die soziale Absicherung umso gravierender.

Gelang es der Politik vor der Coronakrise durch jahrelange Bemühungen und diverse Förderinstrumente die Zahl der Langzeitarbeitslosen signifikant - auf rund 700.000 - zu senken, so hat das Virus innerhalb nur weniger Monate alle Erfolge zunichte gemacht. Seit 2019 gibt es das sogenannte Teilhabechancengesetz, das für sehr arbeitsmarktferne Menschen mithilfe von Lohnkostenzuschüssen und einem begleitenden ganzheitlichen Coaching eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zum Ziel hat. Allein 2020 lagen hier die Gesamtausgaben bei rund 1,1 Milliarden Euro.

Mittlerweile wurde die symbolträchtige Schwelle von einer Million Langzeitarbeitslosen überschritten. Arbeitsmarktpolitische Experten, wie der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Bernd Fitzenberger, befürchten sogar, dass die Spitze noch nicht erreicht ist. Angesichts des grundlegenden Strukturwandels - Stichwort Digitalisierung und Dekarbonisierung - besteht die Gefahr, dass ein sogenannter Sockeleffekt eintritt. Das würde bedeuten, dass sich die Zahl der Langzeitarbeitslosen verfestigt und der Arbeitsmarkt zunehmend eine Aufspaltung in Insider entwickelt, die beispielweise Zugang zum Kurzarbeitergeld haben, und auf der anderen Seite Outsider, für die der Einstieg in den Arbeitsmarkt immer schwieriger wird.

Nun gibt es für das Problem bereits viele unterschiedliche Lösungsansätze. Das IAB schlägt zum Beispiel einen Bildungsbonus für junge Langzeitarbeitslose vor. Auch die zeitweise Übernahme von Sozialversicherungsbeiträgen für Langzeitarbeitslose wird befürwortet, damit Unternehmen zügiger einstellen. Die Bundesregierung hat die Gefahr einer Verfestigung von Langzeitarbeitslosigkeit ebenfalls erkannt und lässt, wie aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP hervorgeht, verlautbaren: „Es ist wichtig, Qualifizierung zu unterstützen, berufliche Umorientierung zu ermöglichen und dadurch individuelle Erwerbschancen zu steigern.“ Das ist aber beileibe kein neuer Ansatz und die Zahlen zur Teilnahme von Langzeitarbeitslosen an beruflicher Weiterbildung lassen seit Jahren zu wünschen übrig.

Über das Für und Wider der vielen, durchaus teuren, Ideen ließe sich an dieser Stelle sicherlich streiten. Die Akteure haben jedoch einen gemeinsamen blinden Fleck, der bei näherer Betrachtung gar nicht so schwer zu erkennen ist. Neueste Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) machen deutlich: In keiner anderen Branche gelang es Langzeitarbeitslosen im vergangenen Jahr so erfolgreich eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt aufzunehmen wie in der Zeitarbeitsbranche. Insgesamt waren es 2020 über 14.000 Personen. Im Dezember 2020 sogar mehr als jeder Fünfte Langzeitarbeitslose.

Dieser Erfolg kommt wenig überraschend, können Zeitarbeitsunternehmen doch viel Know-how mit Menschen vorweisen, die bisher wenig Arbeitserfahrung gesammelt haben. Auch hier hilft ein Blick in die BA-Statistik: Die Nettodauer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung von Zeitarbeitnehmern, also die Summe der Dauer aller Beschäftigungsverhältnisse seit Aufnahme ihrer ersten Beschäftigung, lag 2019 durchschnittlich gerade einmal bei 70 Monaten bzw. rund sechs Jahren. In der Gesamtwirtschaft sind es hingegen über 15 Jahre. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Tatsache, dass fast ein Drittel der Zeitarbeitnehmer 25 bis unter 35 Jahre alt sind. Das alles zeigt, Arbeitgeber in der Zeitarbeitsbranche wissen, welche Einsätze sie jungen und eher arbeitsmarkfernen Menschen zutrauen können und wie eine erfolgreiche Begleitung beim Kunden gelingt.

Anstatt also allein auf großflächige Qualifizierung- und Umorientierungsmaßnahmen zu setzen, müssen die für Arbeitsmarktpolitik zuständigen Politiker die Integrationserfolge der Zeitarbeit nicht nur endlich anerkennen, sondern aktiv unterstützen. Ein erster wichtiger Schritt wäre dabei die seitens des iGZ geforderte Aufhebung der Überlassungshöchstdauer. Wie aus einer Zeitarbeiterbefragung des Institut der deutschen Wirtschaft (IW) von November 2020 hervorgeht, werden rund ein Drittel der Beschäftigten - und hier vor allem Geringqualifizierte - von einem Einsatz abgemeldet, obwohl sie diesen gerne fortgesetzt hätten. In vielen Fällen wurde ihnen das Erreichen der Höchstüberlassungsdauer als Grund genannt. Hier bleiben dann nicht nur Einkommens- sondern auch entscheidende Entwicklungsperspektiven auf der Strecke, die der langfristigen Brückenfunktion von Zeitarbeit entgegenstehen.

„Die Reduzierung von Langzeitarbeitslosigkeit ist eines der zentralen Ziele der Arbeitsmarktpolitik“, heißt es in der genannten Antwort der Bundesregierung. Welchen Beitrag die Zeitarbeit dazu leistet, habe ich skizziert. Jetzt ist die Politik am Zug!

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Über die Autorin

Diandra Schlitt arbeitet seit 2020 als politische Referentin im iGZ-Hauptstadtbüro Berlin. Als solche treibt sie den Ausbau von Netzwerken mit relevanten Entscheidungsträgern und Organisationen voran und nimmt an externen Veranstaltungen mit arbeitsmarktpolitischen Schwerpunkten teil. Außerdem schreibt sie Fachartikel für das Mitarbeitermagazin Zdirekt! und Positionspapiere zu verbandspolitischen Themen.