Direkt zum Inhalt

Benutzeranmeldung

Blog

Corporate Learning – eine Vision für die Zeitarbeit?

Ständig neue Regelungen, Software-Updates und Prozesse: Wer sich mit seinem Unternehmen am Markt behaupten will, braucht Mitarbeiter, die mit ihrem Wissen immer auf dem neuesten Stand sind. Corporate Learning kann dabei eine entscheidende Rolle spielen. Aber was ist Corporate Learning überhaupt, welche Vorteile bietet es und lässt sich das Modell auch auf die Zeitarbeitsbranche übertragen?

Lernen auf Augenhöhe

Zu den Wesensmerkmalen von Corporate Learning gehört, dass jeder Mitarbeiter als Lernender unter Lernenden betrachtet wird. Die Wissensgenerierung findet in erster Linie im Unternehmen statt. Dabei geht es immer auch um den Austausch über Zielsetzungen und Erfahrungen. Durch Workshops, Barcamps und E-Learnings können Mitarbeiter die Vision von einer lernenden Organisation bei der täglichen Arbeit mitgestalten. So ist der Austausch von Wissen permanent gewährleistet!

Wettbewerbsvorteil für Unternehmen

E-Learning bringt nicht nur die Mitarbeiter in ihren persönlichen und fachlichen Kompetenzen weiter, sondern kann auch für das Unternehmen zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden: Lernen die Mitarbeiter eines Unternehmens schneller als die Konkurrenz, ist das ein klares Alleinstellungsmerkmal. Produkte, Theorien und Methoden können Mitbewerber jederzeit kopieren – die Fähigkeiten der „Human Resources“, also die Lernfähigkeit der Mitarbeiter und ihr Erfahrungswissen, jedoch nicht. Lernen und Weiterentwicklung lassen sich also direkt in Erfolg ummünzen.

Wissenstransfer garantiert

Vorreiter auf diesem Gebiet ist der Sportartikelhersteller adidas, der im November 2019 für seinen flächendeckenden Einsatz firmeninterner Trainer von der International Coach Federation (ICF) mit dem „Prism“ Coaching Award ausgezeichnet wurde. Bei dem Unternehmen aus Herzogenaurach sind mittlerweile alle Mitarbeiter vertraglich verpflichtet, Wissen an die Kollegen weiterzugeben – völlig unabhängig von ihrer Qualifikation und Stellung. Die Weiterbildungsabteilung stellt nur noch die Infrastruktur zur Verfügung. Gleichzeitig bietet die digitale Lernplattform „adidas Learning Campus“ eine zusätzliche Möglichkeit, damit Mitarbeiter ihr Expertenwissen zum Beispiel durch gemeinsame Nutzung von Lernvideos, Micro-Learnings und Chats in den Communities teilen können. 

Neues Rollenverständnis

„Wir erleben hier ein völlig neues Rollenverständnis, denn endlich kommen die eigentlichen Experten zu Wort“, erläutert Karlheinz Pape, bundesweit anerkannter Experte und Gründer der Corporate Learning Community, eines Netzwerks innovativer Lern-Experten. „Früher entschied die Führungskraft darüber, wer welche Schulung besucht. Heute melden sich die Mitarbeiter vielfach selbst zu Wort, wenn sie Unterstützung brauchen.“ Aber: Lässt sich das auch auf die Zeitarbeit übertragen? „Auf jeden Fall“, ist Karlheinz Pape überzeugt. Zeitarbeit lebt davon, dass sich die externen Mitarbeiter in kurzer Zeit immer wieder in neue Situationen einarbeiten. „Hier werden die Könige im ,Sich-selbst-etwas-Erarbeiten‘ beschäftigt“, meint Pape. Damit sei Zeitarbeit das Beispiel dafür, dass formale Trainings nicht immer und überall erforderlich sind.

Individualisiertes Lernen

Natürlich geht in bestimmten Bereichen, wie zum Beispiel beim Schweißer oder Staplerfahrer, nichts über externe Qualifizierungen. Die dabei erworbenen Zertifikate sind unerlässlicher Leistungsnachweis und Voraussetzung für die Übernahme hochsensibler Aufgaben. Aber Hand aufs Herz: Was würde denn passieren, wenn – abgesehen von Ausnahmen wie diesen – immer weniger formale Trainings stattfinden? Bricht dann die ganze Weiterbildung zusammen? Sie bricht nicht zusammen, wenn wir das neue Lernen so aufziehen, dass es Früchte trägt. Indem wir einem interessierten Mitarbeiter zum Beispiel drei Bildungs-Angebote auf einer Lernplattform empfehlen. Das können Blogs, Lernvideos oder Podcasts sein. Welche Methode für den Lerner am effektivsten ist, hängt vom jeweiligen Lern-Typ ab. Wir können ihm aber auch drei Experten zum Chat in einer Lern-Community vermitteln. Wichtig dabei ist, dass der Wissensaustausch in Netzwerken stattfindet. Denn die Netzwerkbeziehungen sind ausschlaggebend dafür, ob es gelingt, die vorhandenen Fähigkeiten und Kompetenzen im Unternehmen zu verknüpfen und zu wertsteigernden Aktivitäten auszubauen.

Neues Mindset

Dass Corporate Learning auf dem Vormarsch ist, belegen auch die Zahlen. Laut einer aktuellen Studie zu den Corporate-Learning-Trends der kommenden drei Jahre wird nach Ansicht von 84 Prozent der befragten Experten videobasiertes Lernen eine bedeutende Rolle im Rahmen der Aus- und Weiterbildung spielen. 71 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Unternehmen Social-Media-Dienste einführen werden, um bereichsübergreifendes Lernen zu ermöglichen. Und 57 Prozent glauben, dass Mitarbeiter immer häufiger gezielt über ihre Arbeitsweisen und Lernfortschritte sprechen werden. Was können wir also tun, um den Prozess zu beflügeln? Wir verpflichten die Mitarbeiter nicht mehr so häufig wie bisher, externe Fortbildungen zu besuchen. Denn dort wird die Erwartung geweckt: „Kommt zu uns, wir machen Euch schlau!“ Demgegenüber öffnen wir neue Wege für alle diejenigen, die sich selbstständig etwas erarbeiten wollen. Dieser Paradigmenwechsel setzt ein völlig neues Mindset voraus. Auf Seiten des Unternehmers und auf Seiten der Beschäftigten: Gerade Zeitarbeitnehmer bringen in der Regel eine hohe Bereitschaft mit, den Erhalt ihrer vielfältigen Beschäftigungsmöglichkeiten zu sichern. Darauf können wir bauen! Wenn dann noch der Chef das nötige Lern-Zeitbudget zur Verfügung stellt, kann Corporate Learning gelingen. 

Unterstützung durch Führungskräfte

Der Heiztechnik-Hersteller Viessmann geht mit gutem Beispiel voran: Er stellt seinen Mitarbeitern wöchentlich zwei Stunden ihrer Arbeitszeit als „Vertrauens-Lernzeit“ zur Verfügung. „Das Wesentliche bei dieser Methode ist, dass der Arbeitgeber seinem Mitarbeiter signalisiert: ‚Wir unterstützen Dich, damit Du Dein Ziel erreichst‘,“ resümiert Karlheinz Pape. Damit steht und fällt die Umsetzbarkeit der Vision mit der Haltung der Führungskräfte.

Über die Autorin

Bettina Richter studierte Anglistik, Romanistik und Politikwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Nach ihrem Tageszeitungsvolontariat und mehrjähriger Redakteurstätigkeit sammelte sie Erfahrungen als Pressereferentin und Online-Redakteurin. Seit Anfang 2015 arbeitet Bettina Richter für den iGZ, wo sie seit Juni 2018 gemeinsam mit dem Fachbereich Bildung die Themen „Digitale Bildung“ und neuerdings auch „Ausbildung“ vorantreibt.