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Anerkennung durch die Ampel

Eine Ampel hängt vor dem Bundestag.

Zeitarbeit hat sich als flexible Brücke in den Arbeitsmarkt bewährt und in der Coronakrise behauptet

Noch rollt die vierte Welle der Infektion mit unverminderter Wucht über uns hinweg, aber dennoch kann man die Frage stellen, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Zeitarbeit gehabt hat – in einer Phase, als krisenbedingt die normalen Mechanismen der Arbeitsmärkte außer Kraft gesetzt wurden? Anhand der vorliegenden Zahlen lässt sich bereits eine erste, vorläufige Bilanz ziehen: Rund 720.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten aktuell in der Zeitarbeitsbranche. Vergleicht man das mit dem Beschäftigungsniveau in der Vor-Corona-Zeit, dann sehen wir einen Rückgang von gerade einmal drei Prozent. Das ist überraschend wenig angesichts der Tiefe der Krise am Arbeitsmarkt, die sich sehr deutlich an den Kurzarbeiterzahlen ablesen lässt. Im April 2021 haben 2.207 Zeitarbeitsfirmen das Instrument der Kurzarbeit genutzt und für weniger als 30.000 Beschäftigten Kurzarbeitergeld bezogen. Während im ersten Arbeitsmarkt bis zu 4,8 Millionen Menschen zeitweise in Kurzarbeit waren, also fast jeder neunte Arbeitsplatz durch dieses Instrument gesichert wurde, waren es in der Zeitarbeit im April 2021 gerade einmal etwas mehr als vier Prozent. Insgesamt also hat sich die Zeitarbeit in der Coronakrise als erstaunlich widerstandsfest – oder, um ein zeitgemäßes Modewort zu gebrauchen – als überraschend resilient erwiesen.

Das haben auch die Verhandler der neuen Ampel-Koalition in Berlin anerkannt. Während die FDP der Zeitarbeit als flexible Möglichkeit der Unternehmen in der Regel aufgeschlossen gegenübersteht, haben sich SPD und Grüne bislang wesentlich kritischer geäußert. Doch auch der im Amt bestätigte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat sich im Koalitionsvertrag dazu durchgerungen, der Zeitarbeit einen festen Platz in der Wirklichkeit des  deutschen Arbeitsmarktes mit seinen extrem heterogenen Strukturen und Bedürfnissen zuzuerkennen.

„Werkverträge und Arbeitnehmerüberlassung sind notwendige Instrumente“, heißt es im Koalitionsvertrag, „strukturelle und systematische Verstöße gegen Arbeitsrecht und Arbeitsschutz verhindern wir durch effektivere Rechtsdurchsetzung. So sorgen wir auch für mehr Sicherheit bei Arbeit auf Abruf“. Diese Sätze in der Koalitionsvereinbarung sind ein zwar konditioniertes, aber eindeutiges Anerkenntnis der Zeitarbeit als notwendiges Instrument der Wirtschaft für mehr Flexibilität im Beschäftigungssektor. Dass Verstöße gegen Gesetze selbstverständlich geahndet und schlechter Arbeitsschutz abgestellt werden muss, sind Selbstverständlichkeiten, deren Einhaltung die neue Bundesregierung eigentlich auch der Zeitarbeitsbranche zubilligen sollte.

Das gilt umso mehr, weil die Arbeitnehmerüberlassung im Laufe der letzten Jahre eine recht positive Entwicklung zu verzeichnen hat. So bietet die Zeitarbeit, die einen Anteil von rund 2,5 Prozent an der Gesamtbeschäftigung aufweist, inzwischen einer wachsenden Zahl von Menschen die Brücke in den Arbeitsmarkt. Fast zwei Drittel der Beschäftigten, die im zweiten Halbjahr 2020 einen Job als Zeitarbeitnehmerin oder Zeitarbeitnehmer angenommen haben, waren vorher beschäftigungslos. Wer also nach dem Verlust seiner Stelle wieder im Berufsleben Fuß fassen will, kann die Zeitarbeit durchaus als reale Chance nutzen, um wieder in Lohn und Anstellung zu kommen – wenngleich anfangs auch zu schlechteren Bedingungen als die Stammbelegschaft. Diese Brückenfunktion gilt aber auch in einem besonders schwierigen Segment des Arbeitsmarkts: bei den Langzeitarbeitslosen.

Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit haben im vergangenen Jahr rund 14.500 Langzeitarbeitslose eine Anstellung in der Zeitarbeit gefunden. Das waren immerhin rund 15 Prozent aller Langzeitarbeitslosen, die in diesem Zeitraum eine Beschäftigung am so genannten ersten Arbeitsmarkt aufgenommen haben. Insgesamt sind 93 Prozent aller Zeitarbeitnehmer sozialversicherungspflichtig beschäftigt – das ist ein höherer Anteil als in der Gesamtwirtschaft. Eine weitere Brückenfunktion nimmt die Zeitarbeit auch bei Flüchtlingen ein. So erfolgten vor der Pandemie im Jahr 2019 rund 33 Prozent aller Beschäftigungsaufnahmen von geflüchteten Menschen in Deutschland in der Zeitarbeitsbranche – mehr als in jeder anderen Branche und eine wichtige Integrationsaufgabe.

Ein Problem allerdings hat die Zeitarbeit bislang nicht lösen können: Angesichts der rasanten Veränderungen in einer zunehmend digitalen Berufswelt sind berufsbegleitende Fortbildung sowie Aus- und Weiterbildung unverzichtbar geworden. Hier klafft bei der Zeitarbeit noch eine Leerstelle. Es ist angesichts der Struktur der Branche zwar schwer, diese Lücke zu schließen, aber ein Nichtstun würde die politische Angriffsfläche nur unnötig vergrößern. Insgesamt aber tut die Ampel-Koalition angesichts der erreichten Fortschritte gut daran, der Zeitarbeit einen festen Platz auf dem Arbeitsmarkt zuzuerkennen und sie nicht als ungeliebtes Stiefkind zu behandeln.

Ein Bild des Autors Daniel Goffart.

Über den Autor

Daniel Goffart arbeitet seit 2020 als Chefreporter der Wirtschaftswoche in Berlin. Der gelernte Jurist begann nach Anwaltszulassung und kurzer Station in der Rechtsabteilung des Ullstein-Verlags als Politikredakteur und späterer Bonner Korrespondent bei der Berliner Morgenpost. Danach wurde er Ressortleiter Wirtschaft und Politik beim Handelsblatt, eher er als Leiter der Hauptstadtredaktion für das Nachrichtenmagazin Focus schrieb. Goffart veröffentlichte mehrere Bücher. Sein letztes Werk „Das Ende der Mittelschicht“ stand 2019 auf der Shortlist für das beste Wirtschaftsbuch des Jahres.